Wochenbettdepression und Babyblues | TRAUMgeburt #017


Zurück ins Leben – Ein Interview mit Britta Scheufens

Britta Scheufens bekam 2013 ihr erstes Kind – ein Kind, das sie sich gewünscht hat. Nach der Geburt erkrankte Britta an einer sogenannten Wochenbettdepression und das Leben wurde komplett auf den Kopf gestellt. Es begann eine Lebensphase, die zu einer großen Herausforderung – besonders auch für ihren Mann – wurde.

Britta schrieb ihre Geschichte nieder: Heraus kam ihr erstes Buch mit dem Titel „Zurück ins Leben! – Mein Weg aus der Wochenbettdepression“.
(Link: https://link.nestkinder.de/1b_C)

Ihr Appell an alle Betroffenen und Angehörige:
Holt Euch Hilfe!

Hier einige hilfreiche Links:
https://tredition.de

https://www.brittascheufens-beratung.de/muetter

https://www.bapk.de/der-bapk.html

https://www.schatten-und-licht.de/index.php/de/

https://hilfetelefon-schwierige-geburt.de/


Transcript:

Anabel
Hallo und herzlich willkommen in einer neuen Podcast Folge „Bindung von Anfang an“. Ich bin die Anabel, die Geburtspsychologin. Und ich freue mich total, weil ich heute mal wieder ein Interview mitgebracht habe für euch ja, seid gespannt. Heute im Interview habe ich Britta Scheufens. Britta kommt aus der Nähe von Aachen, aus Alsdorf. Auf sie getroffen bin ich, weil sie auch ein Buch geschrieben hat. Das Buch heißt „Zurück ins Leben“ und erzählt ihre Geschichte über den Weg aus der Wochenbettdepression.

Anabel
Das Thema passt natürlich total gut, jetzt auch im Sinne von TRAUMgeburt nach TRAUMAgeburt und mit den Schwierigkeiten, die nach einer Schwangerschaft, nach einer Geburt auf einen zukommen können. Britta ist eben nicht nur Betroffene, sondern eben auch Fachfrau. Sie ist psychologische Beraterin, Paar- und Sexual-Beraterin beschäftigt sich mit de der Begleitung von Burn-out. Da habe ich sie einfach kurzerhand hier in den Podcast eingeladen, und sie war so spontan und ist heute hier.

Anabel
Herzlich willkommen, Britta, möchtest du noch etwas ergänzen?

Britta
Nein, du warst schon ziemlich ausführlich, glaube ich. Vielleicht noch, dass ich aktuell tatsächlich über das Buch und die ganzen Thematik und meine Situation dazu übergegangen bin, jetzt auch noch den Heilpraktiker für Psychotherapie zu machen? Hätte ich auch so nie gedacht, aber hat sich so ergeben daraus.

Anabel
Ja, sehr schön. Ich drücke dir die Daumen.

Anabel
Ja, ich hatte dich ja eingeladen mit der Frage: „Hast du nicht Lust, über dein Buch und über das Thema Wochenbett-Depression zu sprechen“, und zwar einfach vorzustellen. Wie bist du da hingekommen? Was war dein Weg? Das ist ja im Grunde das, was die Frauen, die Menschen gerne hören wollen, gerade wenn man vielleicht selber in der Situation ist. Was ist der Weg? Wie, wie kann man da durchgehen?

Britta
Wie kann man da durchgehen? Letztendlich ist es immer ganz, ganz wichtig. Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das ist ja leider Gottes immer noch ein ganz großes Problem, dass das Thema in unserer Gesellschaft oft noch ein Tabuthema ist, oft fängt es schon damit an, dass im engsten Kreis gesagt wird: „Das ist normal. Du wolltest ein Kind, jetzt hast du ein Kind!“ Das sind ja so diese typischen Sätze, die viele Frauen oft zu hören kriegen, schon in ihrem engsten Umfeld, und die sich schämen, Hilfe in Anspruch zu nehmen und sich überhaupt zu suchen, weil sie ja glauben, sie sind nicht normal, oder „Jeder muss da durch!“. Da muss man natürlich abgrenzen. Baby-Blues, Wochenbettdepression ist ja auch so ein Thema. Babyblues ist normal, den hat ja fast jede Frau nach der Entbindung, die eine mehr, die andere weniger. Aber gefährlich wird es aber, Alarmglocken sollten angehen nach spätestens zehn Tagen von Babyblues. Dann ist es in aller Regel keiner mehr. Dann geht es direkt in eine Wochenbettdepresison über, wenn man nichts dagegen unternimmt. Wochenbettdepression ist zu 100 Prozent heilbar. Das finde ich mal ganz wichtig zu sagen, sofern sie behandelt wird. Sofern man sich die Hilfe holt. In aller Regel ist das gar kein Problem. Natürlich ist es ein harter Weg, ein steiniger Weg. Ich habe anderthalb Jahre gebraucht, trotz dass ich von Anfang an Hilfe angenommen habe. Aber es geht, es ist hart, aber es geht.

Anabel
Hattest du einen Punkt, wo du selber gemerkt hast? Jetzt komme ich nicht mehr gut klar mit den Gefühlen oder jetzt brauche ich jemanden. Hast du es selber gemerkt? Hat dein Umfeld, das gespiegelt, oder wie war das in dem Moment?

Britta
Ich hab das eigentlich sofort gemerkt. Die meisten Frauen, mit denen ich mittlerweile gesprochen habe im Rahmen meiner Beratertätigkeit. Da hat sich das relativ langsam oft entwickelt, sodass das wirklich nicht sofort rauskam, sondern so über die ersten Wochen. Oft dann, wenn zum Beispiel die Väter oder die Partner wieder arbeiten waren, sie dann plötzlich mit dem Kind alleine waren. Bei mir war das anders. Ich hatte im Vorfeld zwei Fehlgeburten und eine sehr komplizierte und auch schmerzvolle Schwangerschaft, also durchgehend. Ja, die Geburt war schnell, aber auf gut Deutsch gesagt, beschissen und im Grunde konnte ich von Anfang an nicht wirklich was mit meiner Tochter anfangen. Schon als man sie mir die Vorne auf die Brust gelegt hat. Ja, ich fand sie süß, aber bei mir kam mir dieses: „Das ist meins, jetzt bin ich Mutter“. Das hatte ich nicht. Was aber vielleicht auch daran liegen könnte, dass ich direkt wieder ohnmächtig wurde und viel Blut verloren habe. Aber wie gesagt, das stellte sich auch später nicht ein. Ich war froh, dass ich diesen Schwangerschaftsbauch los war. Das habe ich genossen. Die ersten zwei Tage in der Klinik, da ging es mir auch gut.

Aber schon die erste Nacht zuhause, unsere Tochter schrie durchgehend von nachmittags um fünf bis nachts um, keine Ahnung, 1, 2 Uhr. Und nachher stellte sich heraus, dass sie durch die Geburt Blockaden hatte im gesamten Rücken, weil man sie herausgedrückt hat aus dem Bauch. Muss man selbst draufkommen. Das war auch so etwas, da hätte man uns darüber aufklären müssen, dass das sein kann. Das ist so das Einzige, was ich im Krankenhaus ankreiden kann in dem Zusammenhang. Da hätte man Aufklärung leisten müssen, dass das möglich ist. Letztlich war es vom ersten Tag an so, dass ich so hyper-nervös war. Ich wollte einfach nur schlafen, ich war müde, ich wollte schlafen und sie schrie permanent. Ich war nicht in der Lage, mich um sie zu kümmern, ich bwar nicht in der Lage irgendwie ruhig zu bleiben, sie zu füttern, sie zu trösten, das ging gar nicht. Ich war ein Wrack von Anfang an. Das zog sich dann über insgesamt vier Wochen, so meine Tochter, Ende November geboren und am zweiten Weihnachtstag, hat mein Mann mich dann in die Klinik zurück gebracht und eingewiesen. Das ging relativ flott bei mir waren dann auch schon erste Suizidgedanken da. Die mir ordentlich Angst gemacht haben.

Anabel
Ja und deinem Mann bestimmt auch.

Britta
Ja, dem habe ich das nicht ganz so krass geschildert. Ich habe es nur so ein bisschen angedeutet. Er sagte auch, dass er es nicht mehr schafft, was verständlich war. Er hatte ein schreiendes Kind, es war unser erstes. Und er hatte null Erfahrung mit Babys, hat bis daher einmal eins auf dem Arm gehabt, und der war von jetzt auf gleich Mama und Papa. Und er hatte das Kind und die die weinende, zitternde und heulende Ehefrauen neben sich, die überhaupt nicht mehr klar denken konnte.

Anabel
Ja, danke, dass du das erzählst, weil das ist ja wirklich gerade dieses Thema „Mutterliebe“ – ich habe es ja auch schon hier im Podcast aufgegriffen eine Folge – ist ja ein Tabuthema. Wem erzählst du, dass du dein Baby nicht sofort liebst, wie du dir das selber wünscht? Es ist ja total behaftet mit Ja. Oder mit welchen Gefühlen ist das behaftet gewesen?

Britta
Erst mal meint man ist völlig gestört. Das kann ja nicht sein. Das ist ja wie kann man so sein? Ich habe wirklich immer das Gefühl gehabt, dass ich neben mir oder über mir stand, selber von oben gesehen hat, man mich ausgelacht habe, mir selber in den Hintern getreten habe und gesagt habe: Du wolltest ein Kind, du hast ein Kind. Nun kümmere dich um dein Kind! Was bist du für eine Mutter? Letztlich mit Therapie und allem Drum und Dran habe ich schon begriffen, dass das in der Regel gar nicht so ist, dass Mütter mit solchen Wochenbett-Depressionen ihre Kinder nicht lieben. Sie nur nicht in der Lage das zu fühlen, weil alles andere überlagert, alles andere überlagert. Es ist nicht möglich, dieses Gefühl zu empfinden, so wie es sein sollte. Das heißt aber nicht, dass Mütter mit Wochenbett Depressionen ihre Kinder nicht lieben. Das ist auch oft so etwas, was total verkannt wird. Das ist in der Regel nicht so… Das tun sie! Sie müssen nur erst selber mit sich klarkommen, bevor sie diese Liebe empfinden und auch an Ihr Kind weitergeben können. Das kommt, bei mir kam der Punkt auch irgendwann, als es mir besser ging. Und dann schlug es halt um in: „Jetzt muss ich alles nachholen, was ich verpasst habe, was ich meinem Kind nicht geben konnte in der Zeit, die Mutter, die ich nicht sein konnte…“ Was wiederum zu Problemen zwischen mir und meinem Mann, weil er sich dann so in seinem Territorium bedroht fühlte. Plötzlich kam ich und wollte alles besser machen.

Anabel
Diese Schuldgefühle kann man schon sagen. Sculdgefühle, die sich Frauen selber machen. Ich hab das auch so erlebe ich das und beschreibe ich auch. Schuld und Scham sind ja auch die schwierigsten menschlichen Gefühle, die wir zu verarbeiten haben und wenn dann auch noch das Umfeld entsprechend unaufgeklärt und unreflektiert reagiert, hat man da wirklich ein Problem mit, und deswegen trauen sich ja viele Frauen gar nicht, das irgendwo zu kommunizieren, was sie da fühlen. Das ist, wie du sagst, dass es dieses Gefühl: „Ich muss jetzt irgendwie durch. Die anderen mussten da auch durch!“ Aber du hast es selber erlebt, was dann passiert. Die Abwärtsspirale ist dann eben vorprogrammiert und kann richtig richtig tief gehen. Und ich finde es auch so schön, dass es die Liebe ist ja da. Das fühlt sich für die Frauen im Moment nicht so an, weil sie einfach gar keine Ressourcen dafür hat, sondern erst einmal aufarbeiten muss. Das ist wirklich alles, wie das eben auch noch traumatischen Geburtserfahrung ist. Man muss ja erst einmal integrieren und heilen und wieder diese Selbstanbindung finden, um überhaupt in die Verbindung zu einem anderen Menschen kommen zu können. Das merkt ja der Partner, genauso wie das Baby. Es trifft ja alle.

Britta
Es ist ein sehr, sehr schwieriges Thema und auch für viele ein sehr heikles Thema. Es war Grund, weshalb das Buch irgendwann dann doch tatsächlich veröffentlicht wurde. Ich habe lange geschrieben, weil ich nicht immer den Nerv hatte, mich wieder in diese Situation hineinzuversetzen. Ich wollte mich nicht hineinversetzen. In manchen Situationen habe ich mich sehr schwer getan. Ich habe bis zum Schluss irgendwie zurückgestellt. Aber irgendwann wollte ich es dann auch rausbringen. Irgendwann war dann so der Punkt, ich habe dreieinhalb Jahre daran geschrieben, irgendwann der Punkt erreicht ist das ganze Ding fertig kriegen. Jetzt muss das auch raus. Letztes Jahr hat es dann irgendwann mal endlich geklappt.

Anabel
Sehr schön. Es wird hoffentlich viele, viele Frauen erreichen und es wird Mut machen.

Britta
Das hoffe ich auch sehr.

Anabel
Wie erlebst du das, gerade, weil du ja auch Paar-Beraterin bist und Sexual-Beraterin. Ich weiß auch, dass sich diese Situation eben sehr auch auf die Beziehung auswirken. Das ist eine heikle Phase. Wie stabil man da so durchkommt, wie erlebst du darfst und deinen Begleitungen mit den Männern? Ist das ein offensichtliches Thema, wo das Paar sagt Ja, und da arbeiten wir uns jetzt durch, oder ist da eher so, dass du nur Frauen hast?Und die Männer sind eigentlich raus, sozusagen.

Britta
Die Männer sind nicht raus. Im Gegenteil, man hat ja oft, das ist keine Frage, das ist. Eine sehr harte, sehr harte Probe. Das ist bei uns genauso gewesen. Wir haben ja letztendlich bis heute daran zu knabbern als Paar! Mein Mann sagt heute ganz klar, er hätte sich damals auch Therapien suchen müssen. Da haben wir aber damals nicht drüber nachgedacht. Er hat immer danach geguckt, dass ich Hilfe bekommen. An sich hat er dabei nicht so gedacht. Er musste funktionieren. Das war sein Job für ihn. Er musste, sich ums Kind kümmern musste, sich um mich kümmern, das war sein Job. Und natürlich empfinden die meisten Väter das dann eben auch so. Wenn die Mutter nicht kann, bleibt ja nicht viel anderes übrig. Und die Männer vergessen Sie dabei oft selbst, was genauso gefährlich ist. Mein Mann schleppt das seit Jahren mit sich herum und ist selber jetzt in Therapie. Aber unser Kind kommt jetzt in die Schule. Es ist schon eine Weile her, und es begleitet uns bis heute. Deswegen predige ich grundsätzlich immer, die Angehörigen mit ins Boot zu holen bei dieser Beratung! Immer! Die engsten Angehörigen, vielleicht auch noch die, die betreuen, das Kind betreuen, einfach zu verstehen. Was ist das macht. Und natürlich auch irgendwo zu verstehen, ihnen klarzumachen: „Das geht wieder vorbei. Das ist keine ausweglose Situation, überhaupt nicht. Aber es müssen halt gewisse Dinge stimmen!“ Dass man mit den Angehörigen spricht. Was können Sie tun, damit es besser geht? Wichtig für eine Mutter mit Wochenbettdepressionen ist: Strukturierung im Alltag, eine klare Struktur, einen klaren Leitfaden, an dem sie sich entlang hangeln kann, feste Essenszeiten, Termine einplanen, Medikamente gegebenenfalls feste Zeiten machen. Diese Mütter brauchen ganz viel Struktur im Alltag. Das schaffen sie nicht alleine schaffen sie in der Regel nicht mehr alleine, sondern ich halte das immer so. Ich habe mich immer von. Unterstützung zu Unterstützung gehangelt. Als mein Mann wieder arbeitete, er konnte kurzfristig noch Elternzeit nehmen, aufgrund der Situation – wir hatten dann eine Zeit lang eine Haushaltshilfe parallel haben wir von der Krankenkasse bekommen und die kam dreimal die Woche. Mein Mann war zweimal die Woche im Büro. Den Rest hat er von zu Hause aus gearbeitet. Und meine Mutter, das waren die drei Personen, die wirklich regelmäßig bei mir waren, und ich habe immer, wenn ich mit meinem Kind schon eine Stunde alleine war, Blut und Wasser geschwitzt. Ich habe immer auf die Uhr geguckt: „Okay, wann kommt die Haushaltshilfe, wann bist du nicht mehr alleine mit dem Kind. Wann kommt die Mama? Danach hat sich mein Tagesablauf gerichtet, nach der Hilfe, die ich hatte, oder die Hebamme anfangs noch. Struktur ist ganz, ganz wichtig. Und. Für ein Paar. Ist das eine enorme Belastungsprobe gerade jetzt mal Männer setzen sich ja sowieso wesentlich weniger auseinander mit solchen Thematiken. Depressionen sind auch für Männer für Männer ein schwieriges Thema als für Frauen. Zumindest ist das meine Erfahrung. Ich glaube, Frauen sind oft eher froh, wenn sie endlich mal irgendetwas in der Hand haben, dass man ihnen die Diagnose an die Hand gibt. Das hast du, und das können wir dagegen machen. Das ist so meine Erfahrung. Männer sind da ein bisschen anders. Die wollen diese Diagnosen nicht, dass man mitbekommt, dass sie schwach sind, dass sie so etwas brauchen, dass sie eine Beratung brauchen, dass sie Hilfe brauchen. Das ist zumindest meine Erfahrung, dass viele Männer da eher auf Abstand. In der Situation sollte man das anders sehen. Die Männer sind ja nicht diejenigen. In dem Moment natürlich die, die diese Unterstützung bräuchten. Im Sinne von Ich bin krank! Aber sie haben halt mit der psychisch kranken Person zu Hause jeden Tag zu tun. Das ist Immer eine Zerreißproben. Denn gerade wenn man selber nie mit sowas zu tun hatte, nie mit sowas in Berührung gekommen war. Mein Mann hat mal zur Hebamme gesagt, das werde ich nie vergessen, Er hat mal gesagt: „Das ist nicht meine Frau. Das ist nicht meine Frau“ Mein Mann, ist davon ausgegangen, ich bin so ein kleiner Kontrollfreak in manchen Dingen. Der ist da total von Ausnahmen das Kind kommt, macht das mit Links, die kümmern sich um alles und erklärt mir dann, wie es geht. Dann stand er da. Das komplette Gegenteil war der Fall. Und ich lag eigentlich permanent in der Ecke auf dem Boden und es gab Tage, da konnte ich nicht mal duschen gehen. Ich konnte nicht schlafen, ich konnte nicht essen. Ich habe geweint. Ich habe nur gezittert, und das über Wochen. Ich habe immer wieder gesagt Ich will dieses Leben nicht. Ich will das Kind nicht, ich will mein altes Leben zurück. Das hat ihn verletzt. Genau damit umzugehen, ist nicht einfach.

Anabel
Dass es dieses typische Gefühl vorher und nachher wie so eine Schnittstelle. Ab da war alles anders. Swen und ich haben uns letztes Jahr im Zuge von einem Workshop, den wir gehalten haben, gerade zu zum Thema „Väter und traumatische Geburten“ hatten wir mal die Studienlage gesichtet, weil die Väter sind ja noch nicht so wahnsinnig im Fokus der Forschung. Aber kommen langsam. War ja immer die Mama und Geburtstrauma war ganz viel und Baby und Geburtserfahrung war ganz viel. Und jetzt kommt man langsam auch, weil der Vater war ja auch dabei. Im Grunde muss man auch nochmal Hebammen und keine Ahnung mit reinnehmen. Aber was wir da echt spannend fanden, war das die eine Forschungsgruppe eben herausgefunden hat, dass solche postpartalen Depressionen bei den Männern verzögert auftreten. Die kommen nicht nach der Geburt. Die liegen dann nicht am Boden nach der Geburt, wenn die Frau wirklich da ist, ist ganz klar da Schwangerschaft, Geburt irgendwie wie bei dir nicht gut verlaufen. Und dann bricht es sozusagen zusammen, das System, und dann muss erst einmal Ende Gelände, auch wenn brechen.

Britta
Wobei das auch bei Schwangerschaften der Fall sein kann.

Anabel
Genau, dass kann bei Traumschwangerschaft aber z.B. die Geburtserfahrung, die dann irgendwas Notfall, Angst um Leben und Tod…

Britta
Auch das muss nicht unbedingt gewesen sein. Ich habe auch Frauen, da ist nichts in der Art und Weise passiert, und trotzdem… dann war vielleicht der Auslöser, dass der Partner wieder arbeiten gegangen ist. Bis dahin kann alles in Ordnung gewesen sein. Es muss nicht unbedingt ein Problem belastete Schwangerschaft oder Geburt gewesen sein, sondern erhöht die Chancen erhöht.

Anabel
Chance genau. Sagen wir mal einen Moment der Überforderung reicht schon aus. Je nachdem, weil wir ja mega individuell sind, lässt sich gar nicht vorhersagen. Wirklich dramatische Geburtssituation sein. Und ist da eine Frau und die danach. Wie soll das auch das genau? Ja, und die Väter kriegen aber dann die Symptome tatsächlich verspätet. Drei bis sechs Monate später, nach der Geburt. Wir dachten ja, das macht total Sinn, weil wir sind ja erst erstmal sozusagen, wenn die auch noch wegbrechen würden. Das wäre blöd für das Familiensystem. Aber ja, das ist ja auch alles anders. Die haben dann auch nicht Frau, die haben da auch das schreiende Baby häufig. Die drücken das ja häufig auch noch aus. Was die da so?

Britta
Bei den Vätern muss ja auch nicht unbedingt eine psychisch kranke Mutter vorgelegen haben, sondern die einfach mit dieser neuen Situation auch nicht mehr zurecht kommen, dass es plötzlich die Gefühlslage umschwenkt und die oft auch nichts damit anfangen können. Was ist denn jetzt hier mein Problem? Oft ist es auch die veränderte Paarsituation. Gerade beim ersten Kind so plötzlich ist da jemand, der hängt immer an ihr, und ich habe da gar keinen. Ich komme ja gar nicht mehr dran. Also, ich hab da, ich stehe in der zweiten Reihe. Im Grunde ist ja auch etwas, was viele damit zu kämpfen haben. Später. Es passiert nicht in den ersten zwei, drei Wochen, da sind auch wir da in aller Regel noch auf Wolke sieben. Aber das setzt man dann halt mit der Zeit ein, wenn die Mutter, erstmal nur Mutter ist. Dann haben oft Männer das Problem, sich zurückgesetzt zu fühlen.

Anabel
Gerade wenn wir über das Thema „Bindung“, dass ist ja auch hier im Podcast immer wieder das Thema, sprechen. Wie ist da deine Erfahrung einfach? Das ist eine natürlich eine sehr plakative Frage. Kann man die Bindung zwischen Mutter und Kind wieder heilen, auch wenn es den Abbruch gab?

Britta
Ja, kann man!

Anabel
Seht ihr, bestätigt das!

Britta
Ja, das kann man! Ja!

Anabel
Das ist eine häufige Angst, da etwas verloren zu haben, was man nie wieder aufholen kann.

Britta
Ich muss ehrlich sagen: Mich begleiten Schuldgefühle bis heute meiner gegenüber bis heute. Wahrscheinlich gehe die auch nie ganz weg. Letztlich weiß ich aber ganz genau. Es hat unsere Bindung oder unsere Beziehung keinen Abbruch getan, mein Kind wurde geliebt in der Zeit – letztlich auch von mir. Ich konnte nur diese Bindung nicht herstellen. Sie wurde mit Liebe überschüttet, von meinem Mann, ihren Tanten, ihren Großeltern guten Freunden. Die sind auch mitten in der Nacht rübergekommen, um meinem Mann zu helfen. Wir hatten Gott sei Dank ein solches Netzwerk. Wenn man das nicht hat, dann wird es schwieriger. Das ist gar keine Frage. Aber: Meine Tochter und ich sind heute ein Herz und eine Seele. Heute kann ich das auch nicht mehr verstehen. Das ist keine Frage. Das ist überhaupt keine Frage, ich kann das gar nicht nachvollziehen. Diese Gedankengänge, die ich damals hatte, da schäme ich mich natürlich bis heute für, weil ich weiß, dass ich muss, dass ich krank war. Aber es begleitet mich schon immer noch ein bisschen. Also bei mir ist das zumindest so und so die Erfahrung aus der Erfahrung heraus aus den Gesprächen heraus, die ich geführt habe. Da bleibt immer hängen. Das ist, glaube ich, auch völlig normal und das ist doch nichts Schlimmes.

Anabel
Es ist ja das Leben. Du hast die Erfahrung gemacht. Man kann es nicht ausradieren, was war. Es gehört einfach zu eurer Geschichte. Aber hast du eine gute Technik oder ein Tool, was du für dich gefunden hast? Was du machst, wenn diese Gefühle kommen und wenn die vielleicht so zu stark werden, Schuldgefühle oder diese Gedanken kommen, die du dann oder was du früher eingesetzt hast, wo du noch in dem Prozess warst?

Britta
Ja, ich habe mir immer meine Tochter geschnappt und sie mit Liebe erdrückt. Dann habe ich immer dieses ganz dringende Bedürfnis, sie einfach zu packen, zu knutschen und zu halten. Das will sie jetzt. Jetzt ist sie sechs. Das macht sie gerne, aber halt nicht mehr so lange. Es ist jetzt schwieriger. Morgens geht das, morgens bleibt sie schön ruhig im Bettchen liegen. Und das genieße ich auch bis heute. Diese Momente, die ich mit ihr als Baby irgendwo nicht hatte, weil ich das nicht genießen konnte. Das zelebriere ich, seitdem das geht, umso mehr! Morgens, bis heute ist das der Fall, auch wenn wir zur Arbeit und im Kindergarten oder demnächst in die Schule müssen. Wenn sie aufsteht, kriegt sie erst einmal 20 Minuten Kuschel-Einheiten. Wenn man natürlich raus müssen, dann ist das nicht unbedingt im Bett und bin ich ja schon auf. Dann setze ich mich aber noch mit ihr auf die Couch, eine Viertelstunde und kuschelt mit ihr. Das ist das, was ich so seitdem tatsächlich jeden Morgen mache.

Anabel
Würdest du sagen, dass du dadurch im Grunde achtsamer für diese kleinen, alltäglichen Momente geworden bist?

Britta
Ja, auf jeden Fall, ja!

Anabel
Das ist ja etwas total Schönes, wenn man diese kleinen Momente so genießen kann, weil man im Grunde weiß, wie kostbar die sind, jeder Einzelne.

Britta
Ja, das hat schon sehr viel mit mir gemacht. Man weiß viel mehr zu schätzen tatsächlich zumindest hat es das mit mir gemacht. Ich, wie gesagt durch das Buch haben sich auch neue berufliche Perspektiven ergeben, die ich so niemals erwartet hätte. Und wenn mir einer vor zwei Jahren gesagt hätte, du gehst irgendwann beruflich darin auf, mit deiner ehemaligen Erkrankung zu arbeiten, den hätte ich ausgelacht. Aber es ist genau das, was es jetzt bringt. Es ist für mich genau das Richtige und ich brenne dafür, gerade wenn es um Aufklärung geht, zu dem Thema. Ich kann es immer wieder betonen: Hilfe holen. Eine Wochenbett-Depression ist zu einhundert Prozent heilbar. Das ist einfach ein ganz wichtiger Punkt, finde ich, den man immer als erstes erwähnen sollte. Unbehandelt kann die ganz, ganz böse ausgehen.

Anabel
Ja, und du hast ja auch in deinem Buch Anlaufstellen genannt, wo man sich hinwenden kann oder man kann sich auch an dich wenden, wenn die Frauen unsicher sind, ist es jetzt ein „Babyblues“ oder eine Wochenbettdepression, hast du auch den Test, den Fragebogen.

Britta
Ja, genau der Test geht ganz schnell. Dann hat man ziemlich ziemlich schnell und ziemlich sicher einen Anhaltspunkt, wo man sich befindet psychisch. Aber es ist ja auch so, mein Buch ist ja bereits ein Jahr alt, da ist jetzt auch der Verein „Schatten und Licht“ drin, die für die Betroffenen da sind. ich arbeite mittlerweile aber auch für den Bundesverband für Angehörige von psychisch Kranken. Da habe ich gerade ein Projekt zum Thema Postnatale Depression. Das ist halt so eine Anlaufstelle für die Angehörigen. In erster Linie. Natürlich auch für Betroffene. Aber für Angehörige sind wir gerade dabei, eine Plattform zu schaffen und Möglichkeiten aufzuzeigen, wo sich Angehörige beraten lassen können. Wir stellen gerade auch eine Datensammlung zusammen, die dann online gesetzt werden wird auf deren Homepage. Mein Mann und ich haben ein Interview gegeben. Als Betroffene und Angehöriger. Die sind allerdings noch nicht online. Es ist erst drei Wochen her, die werden wahrscheinlich nach den Sommerferien irgendwann online gehen. Wir haben es beide noch nicht gesehen bisher, wir haben es nicht angeguckt. Wir werden es irgendwann in zwei Wochen kriegen, dass wir beide auf jeden Fall sehr offen in diesem Interview waren und dass mein Mann eben auch seine natürlich nicht immer nur positiven Gefühle mir gegenüber. Da waren irgendwann auch ganz, ganz negative Gefühle natürlich irgendwann mit drin. Die hatte er mir damals natürlich so nicht gesagt, aber dass er sie hatte, war mir immer klar. Ich habe ihn da im Grunde hängen lassen. Mit einem Baby, mit einem Neugeborenen und dass er irgendwann ab und zu auch mal das Gefühl hatte, mich an die Wand knallen zu wollen ist verständlich, und darf auch sein. Diese Gefühle auch bei Angehörigen dürfen sein. Die Fragen, die man oft hört. Ist ja: „Was soll ich denn fühlen? Wie soll ich fühlen? Ist das in Ordnung, wie ich das fühle?“ Diese ganzen Fragen sind völliger Bullshit, was man fühlt, fühlt man dagegen, kann man nichts machen. Ganz wichtig ist zu gucken: „Wie geht es mit diesen Gefühlen um? Was mache ich damit?“ Wenn man als Angehöriger fühlt, da baut sich ein Groll auf. Spätestens dann sollte man ganz dringend Hilfe in Anspruch nehmen. Das ist etwas, worüber man reden muss und man auch Angehörige der Partner auch mal seinen Raum, in dem er Frust ablassen kann. Das ist keine einfache Situation für den Partner. Da ist ein Neugeborenes und eine Frau, die am Boden ist, mit der man nichts mehr anfangen kann. Das ist nicht einfach und das darf man absolut nicht unterschätzen und sollte man auch nicht abwarten! Spätestens nach diesen zehn Tagen, so sagt man so ein bisschen so, diese Grenze zwischen Babyblues und Wochenbettdepression. Einfach Hilfe holen! Besser einmal zu viel als einmal zu wenig.

Anabel
Ja, wunderbar! Ich würde sagen, da haben wir einen schönen Abschluss gefunden, Britta. Oder gibt es noch etwas, was du ganz dringend mitteilen möchtest?

Britta
Da könnte man ja auch schon mal stundenlang drüber reden: Hilfe holen ist wichtig! Ganz wichtig! Sich nicht verstecken, das muss man nicht. Es ist normal, solche Gefühle zu haben. Es darf sein. Man kann was dagegen tun. Immer! Und es gibt Anlaufstellen, die sind noch in Deutschland immer noch nicht flächendeckend, aber es gibt genug Stellen und andere Anlaufstellen, Hotlines oder Praxen, die das machen. Mittlerweile gibt es tatsächlich Mütter-Berater. Die gibt es leider ist auch oft das Fachpersonal nicht genügend ausgebildet dafür. Auch ich habe versucht, tatsächlich irgendetwas in die Richtung Wochenbettdepression als Fach-Fortbildung zu finden in Deutschland, das gibt es nicht. Das gibt es nicht. Es ist schwierig. Ich habe es mir jetzt selbst über die Jahre angeeignet und durch ein Studium angeeignet, was noch etwas mit Psychotherapie zu tun hat, aber letztlich zu diesem speziellen Thema Wochenbettdepressionen ist es ganz, ganz schwer da irgendwas zu finden. Das ist einfach immer noch zu wenig in der Gesellschaft vertreten. Viele Mütter, habe ich festgestellt, konnten mit dem Begriff noch nicht anfangen. Die einfach überhaupt keine Ahnung hatten, dass es sowas gibt. Oder die von ihren Ärzten ausgelacht und wieder nach Hause geschickt worden. Ganz furchtbar!

Anabel
Da passieren verrückte Sachen. In diesem Zusammenhang würde ich gerne noch einmal Werbung machen für das Hilfetelefon Schwierige Geburten, was jetzt gestartet wurde von Motherhood e.V. in Kooperation mit der ISPPM. Das findet ihr ganz leicht im Internet. Ich kann es nochmal hier reinstellen hier in die Shownotes, da könnt ihr anrufen. Kostenlos, anonym. Motherhood hat diese ganze Organisation übernommen und das wunderbar professionell aufgestellt. Und das Besondere ist, dass die Fach-Beraterinnen, die anonym beraten, aus der ISPPM sind also wirklich Fachfrauen sind, die mit dem Thema arbeiten und um schwierige Schwangerschaft Geburt und es ist egal, wie lange es her. Du kannst da auch anrufen, wenn die Geburt schon zehn Jahre her ist und du immer noch da dran knabberst.

Britta
Das ist nochmals ein ganz anderes Thema traumatische Geburten. Das kann dich auch Jahre später noch einholen. Das ist einfach. Das ist gegebenenfalls nie wirklich ad acta gelegt, wenn man es nicht irgendwann mal bearbeitet hat.

Anabel
Genau da haben die extra dieses sehr niedrigschwellige Angebot geschaffen, wo es ganz schnell, einfach und unkompliziert sich informiert werden kann. Und davon brauchen wir mehr. Auf jeden Fall mehr Anlaufstellen mehr für Frauen im Wochenbett. Britta, ich danke dir ganz, ganz herzlich. Es hat mir auch Spaß gemacht. Ich finde das Thema unglaublich wichtig, und ich hoffe, ihr nehmt alle was davon mit und vor allem auch die positiven Seiten, die wir angesprochen haben. Das alles ist heilbar. Ihr könnt die Bindung wieder aufbauen und die Mutter werden, die sein wollt und auch wieder die Partnerin und geht es an, macht es einfach gut. Holt euch Hilfe! Und genau dann würde ich sagen: Wir verabschieden uns, und ihr findet alles über Britta in den Shownotes, ihr findet das Buch, Ihr findet die Homepage, und ihr könnt sie auch in den sozialen Medien aufsuchen und kontaktieren. Macht’s gut Ihr Lieben.

Britta
Ich danke dir!

Anabel
Tschüss.

Britta
Tschüss.

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