Mein Weg zu Windelfrei

Was ist eigentlich Windelfrei? Oder meine Reaktion als mein Mann mich das erste Mal damit konfrontierte: „du bist doch verrückt!“ Denn tatsächlich hatte ich vorher noch nie von dieser Idee gehört. Für mich galt es als das normalste der Welt Babys in Windeln zu stecken. Warum auch immer, denn, wenn man mal eine Sekunde lang darüber nachdenkt macht das wirklich keinen Sinn. Denn, seit wann gibt es Windeln? Seit den 70ern? Und seit wann gibt es Babys? Also irgendwas muss man ja schon vor diesem Marketing Trick mit den Babys gemacht haben. Außerdem, warum sollten wir das, was die meisten Tiere können nicht können? Auch die Tierbabys möchten ihr Nest nicht beschmutzen.

Windelfrei – aus alt wird neu!

Also, klingt doch nicht so verrückt wie ich anfangs dachte, dann muss jetzt Literatur her. Ich las dann das Buch „Es geht auch ohne Windeln“ von Frau Bauer und lies mich überzeugen. „Ja, das klingt einleuchtend“ sagte ich dann zu meinem Mann und wir waren wieder auf einer Spur. Doch kaum zu glauben, wie unsere Umwelt auf diese in ihren Augen fast schon revolutionäre Idee reagierten. „Erst Geburtshaus, dann auch noch ein Baby ohne Windeln, ihr werdet ja richtige Ökos“, dachten die meisten wohl und äußerten etwas Ähnliches. In diesem Punkt hatten wir wieder die ältere Generation auf unserer Seite, da sie ihre Kinder eben noch ganz klassisch mit Stoffwindeln großgezogen haben und das auch noch OHNE Waschmaschine. Da war ich mir dann ziemlich sicher, dass ich mein neugeborenes Baby auf keinen Fall in eine Plastiktüte stecken werde. Schon der Gedanke daran war furchtbar. Und was ein Glück, wir haben ja eine Waschmaschine, also sollte das doch irgendwie zu bewerkstelligen sein. Ob ich das mit dem Windelfrei hinbekommen würde zweifelte ich noch.

Stoffwindeln

Und so verwendeten wir also ausschließlich Stoffwindeln mit Wollhöschen für unseren kleinen Schatz. Am Anfang legten wir auch noch einen Fließ mit rein (den kann man als Rolle kaufen und sich Stücke zuschneiden), der das gröbste auffangen sollte, dann könnte man ihn einfach wegwerfen. Doch auch den haben wir bald wieder weggelassen. Nach den ersten zwei Wochen drängelte mein Mann mich ein bisschen und wollte endlich unseren Sohn auch wirklich windelfrei lassen. Mein Zögern sorgte dafür, dass wir eine Mischform praktizierten. Wir hielten ihn nach dem Schlafen ab, was immer sehr gut funktionierte. Ihn nachts abzuhalten war nicht möglich, da er hier zu lautstark protestierte und damit auf keinen Fall einverstanden war, auch nicht in eine Schüssel am Bett. Als er noch sehr klein war hielten wir ihn tatsächlich über dem Waschbecken ab, was ich anfangs gar nicht wollte, gewöhnte mich aber irgendwann dran. Unsere damalige Wohnung bot einfach zu wenig Platz und über der Toilette war es sehr schwierig. Auch unseren zu dieser Zeit etwa 11 Monate alten Herzenssohn (so nenne ich hier unseren bei uns in Erziehungsstelle aufwachsenden Sohn), hielt mein Mann schon regelmäßig, seit er mit 9 Monaten zu uns gekommen ist, ab. Man merkte jedoch deutlich, dass er schon an die Windel-Situation gewöhnt war. Trotzdem hatten wir zeitweise gute Phasen und vor allem erlebte er so einfacher das Umdenken, auf die Toilette zu gehen statt einfach laufen zu lassen. Da ich mich also wie eine Zwillingsmutter fühlte, war ich manchmal etwas überfordert und hatte das Gefühl mich nicht auch noch zusätzlich mit ständigen Toilettengängen befassen zu können. Also hielten wir es am Anfang eher locker (was meinem Mann gar nicht zusagte, meinen Nerven aber schon) und schauten, dass wir die beiden wann immer möglich abhielten und ein paar Rituale, wie nach dem Aufwachen abzuhalten oder vor dem weggehen einzuführen. Tatsächlich hatten wir für das große Geschäft beim Kleinen auch bald einige Erfolge.

Viele Anläufe zum Windelfrei

Als wir dann umgezogen sind war unser Sohn schon 4 Monate alt. Da startet mein Mann noch einmal den Versuch mich dazu zu bewegen den Kleinen ganz windelfrei zu lassen und zu schauen was passiert. Wieder hatte ich Zweifel und wieder fielen wir auf eine Mischform zurück. Doch auch mit dieser Mischform war es uns möglich, viel aufzufangen und schon alleine durch die ritualisierten Toilettengänge landete sehr viel weniger in der Windel. Man merkte auch deutlich den Unterschied zwischen unserem Kleinsten, der von sehr früh an regelmäßig abgehalten wurde und unserem älteren Sohn. Bei ihm fanden wir sehr viel schlechter in die Kommunikation über sein Ausscheidungsbedürfnis. Dies lag natürlich zum einen daran, dass die Bindung zwischen uns noch am Entstehen und wachsen war, aber auch daran, dass er es oft selbst nicht spürte, da es schon abtrainiert war. Wir behielten es aber auch bei ihm regelmäßig bei und sehen heute, mit fast 3 Jahren die Erfolge. Auf die Toilette zu gehen ist für ihn selbstverständlich, schon lange. Natürlich gibt es noch ab und zu „Unfälle“ und z.B. im Auto trägt er vorsichtshalber ein Back-up System, doch war die Umstellung keine Umstellung in dem Sinne. Er hat einfach wieder gelernt selbst zu spüren, wann er musste. Und unser Kleiner ist mit 11 Monaten jünger schon auf dem fast gleichen Stand. Eine volle Windel hatten wir schon lange nicht mehr, was sehr angenehm ist. Und das auch das Pipi in die Toilette oder das Töpfchen gehört, weiß er prinzipiell auch, nur ist er gerade einfach zu beschäftigt, um dafür seine kostbare Zeit zu verschwenden. Hier lautet das Windelfrei-Motte: „wischen, waschen, lächeln!“.

Verschiedene Phasen des Windelfrei

Diese Erfahrung haben wir auch machen dürfen, dass Babys in manchen Entwicklungsphasen sich mit Händen und Füßen wehren, wenn es heißt, dass es jetzt auf die Toilette geht. Da ist ihnen aber auch jegliche andere Tätigkeit auf der Wickelkommode wie saubermachen, anziehen usw. ein Dorn im Auge. Sie wollen nicht mehr still daliegen und etwas über sich ergehen lassen, sie wollen auf Entdeckungsreise gehen. Da lässt man dann schon mal ein schmutziges Hemd einfach an und wechselt die Windel zur Not im Stehen, wenn irgendwie möglich. An dieser Gegenwehr merkt man dann, dass der Kleine gerade wieder eine Entwicklung durchmacht, die man bald bewundern darf. In anderen Phasen hat man das Gefühl, das Kind sei schon sauber, weil es einfach so gut läuft.

Viele Wege führen zu Windelfrei

Wir hatten dann, als ich mich etwas sicherer fühlte und beide Kinder ein bisschen älter waren, damit angefangen jeden Tag Windelfrei-Phasen zu etablieren, in denen die beiden dann Split-Pants anhatten und ich sie immer mal wieder nach Gefühl abhielt, bzw. den älteren das mit dem Töpfchen zeigte. Natürlich waren die Kinder auch vorher immer mal wieder nackt gewesen, was sie ja sehr genießen. Doch da legten wir ganz bewusst die Aufmerksamkeit darauf zu erkennen, wann sie auf Toilette mussten. Und da wir dies immer erst mal phasenweise machten, kam ich auch nicht so unter Druck, den ganzen Tag Pipi aufwischen zu müssen.

Jeder kann Windelfrei eben anders

So sah also unsere Version von Windelfrei aus. Und das soll auch hier der entscheidende Punkt sein, dass jede Familie für sich schauen kann, wie sie dies vielleicht umsetzen möchte. Ich denke im Nachhinein, dass es wahrscheinlich wirklich einfacher gewesen wäre, direkt von Anfang an die im Buch beschriebenen Schritte auszuprobieren und weniger halbe Sachen zu machen. Nun war aber unsere Situation sehr speziell und wir haben es anders gemacht. Bei unserem nächsten Kind werden wir es sicher wieder anders machen und das finde ich auch völlig in Ordnung und legitim. Jedes Kind ist anders und wir Eltern haben uns auch weiterentwickelt. Also möchte ich euch Mut machen, es einfach auszuprobieren. Es ist in jedem Falle eine Bereicherung für euch und euer Baby, egal in welcher Weise ihr es für euch anpasst. Denn wie gesagt, auch wenn wir es nicht ganz strickt umgesetzt haben, sind die Erfolge sichtbar. Falls ihr keine Lust auf ein Buch dazu habt, kann ich euch die Anleitungen von dem Projekt „artgerecht“ auf YouTube sehr empfehlen. Sie zeigen dort auch anhand von Puppen, wie ihr ein Neugeborenes oder später auch Kleinkinder am besten abhalten könnt. Und da ihr bei der Sache eigentlich nichts verlieren könnt (im schlimmsten Fall steigt ihr eben doch auf Windeln um), ist es das Ausprobieren wert! Hauptsache ihr geht entspannt an die Sache. Es geht hier nicht um den Wettbewerb, „Wer hat die wenigsten Windeln verbraucht“. Sondern es geht um eine gute Kommunikation zwischen euch und eurem Baby.

Ich hoffe, der Artikel hat euch einen Einblick in das Thema geben können. Falls ihr das hilfreich fandet, teilt ihn gerne mit anderen! Und schreibt doch, wie eure Version von Windelfrei vielleicht aussieht. Ihr könnt auch gerne Fragen stellen, wenn ihr mehr wissen möchtet. Bis dahin viel Spaß beim Ausprobieren!

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