“Mama, bei wem war ich im Bauch?” – Bindung aus einer anderen Sicht

Heute berichte ich über das, was uns hier im Alltag ganz persönlich bewegt.

Wie viele schon wissen, leiten wir neben unserem “Herzensthema” der frühen Bindungsarbeit mit Mutter und Kind für schöne Geburtserlebnisse, auch noch eine Erziehungsstelle. Das ist der etwas besondere Begriff für eine professionelle Pflegestelle. Wir gelten also im Grunde als eine Heimeinrichtung. Nun lebt in dieser Form unser ältester Sohn, unser Herzenssohn, bei uns.

Eine außergewöhnliche Entscheidung

Er kam mit ca. 9 Monaten zu uns, ist nun schon über vier Jahre alt und wird bleiben, bis er erwachsen ist. Das war mit Sicherheit keine konventionelle Entscheidung, sondern schon sehr speziell. Zumal wir gerade mit unserem ersten Sohn hoch schwanger waren, als unser älteste einzog. Plötzlich hatten wir also Zwillinge!

Aufgrund seiner Geschichte ist unser Großer sehr klein, schmächtig und hatte in einigen Belangen auch noch großen Nachholbedarf. Jetzt, nach fast vier Jahren können wir weiterhin sagen: wir bereuen nichts! Ja, es war eine außergewöhnliche Entscheidung, die sehr weitreichende Konsequenzen für unser Leben hat. Und wir sind froh, dass wir den Mut hatten sie zu treffen.

Die Bauchmama und die Herzensmama

Bindung wurde uns aus einer ganz neuen Perspektive spürbar. Es war, als hätten wir uns weit über den Tellerrand gelehnt. Noch heute überrascht er uns mit Dingen, die uns zum weiterdenken anregen.

Letztens kam wieder die Frage auf, wer bei wem im Bauch war. Klar, unser Kleiner weiß da mit seinen drei Jahren auch genauestens Bescheid “Ich war bei der Mama, meine Schwester auch und wo warst du?” Früher gingen sie immer davon aus, dass er bei Papa im Bauch war. Papa musste sich ja auch gerade am Anfang viel um ihn kümmern. Ich stillte den einen, Papa mit dem Fläschen den anderen. Daher war ihre Verbindung am Anfang viel stärker. Irgendwann war klar, Babys kommen aus den Mamas. Also erklärten wir ihm auf sein Nachfragen, dass er eine Bauchmama hat und mich, die Herzensmama. Seine Reaktion darauf ist immer ein nicken und der Satz: “ die kenn ich, bei der war ich schon”. Dann sage ich immer: “ja, du warst ja bei ihr im Bauch”. Mit der Antwort ist er immer zufrieden gewesen.

 

Nun stellte sich dann doch die Frage, wo besagte Bauchmama überhaupt wohnt. Vor allem unseren Kleinen interessiert das ganze sehr. Wir achten aber genau darauf, ob das auch im Interesse unseres Großen ist. Solange er nicht weiter nachfragt, geben wir keine detaillierten Informationen. Und ich sage ihm immer die Wahrheit. Die ist nun mal, dass keiner weiß, wo seine Bauchmutter ist. Für uns ist dies natürlich so erst mal sehr angenehm, da es Ruhe in unsere Familie bringt. Er kann sich ganz auf uns einlassen und lebt in keinem Zwiespalt. Doch es wird der Tag kommen, da möchte er mehr wissen und seine Wurzeln kennenlernen. Dafür werden wir ihm dann, wenn er ein entsprechendes Alter hat, alle vorhandenen Informationen beim Jugendamt besorgen.

 

“Liebst du ihn wie dein eigenes Kind?”

Was macht das mit der Bindung, wenn das Kind nicht das eigene ist? Ist es anders? Die Frage haben wir schon des öfteren beantworten müssen. Und die einfache Antwort ist: Ja, es ist anders. Wie sollte es auch nicht anders sein?

Uns fehlen nicht nur die ersten 9 Monate seines Lebens, sondern vor allem auch die Zeit der Schwangerschaft, die gemeinsam erlebte Geburt. Man kann sich nur schwer vorstellen, wieviel Bindung schon in diesen Phasen entsteht. Wie gut man sein Kind kennenlernt. Man hat schon eine gemeinsame Geschichte, eine gemeinsame Vergangenheit. Und die fehlt. Das macht es natürlich anders.

Doch anders heißt nicht gut oder schlecht. Eben anders. Dazu kommt, dass wir ihn zwar gefühlt adoptiert haben, er aber einen Vormund hat und alles in einem interdisziplinären Team immer wieder besprochen, kontrolliert und überprüft wird. Auch alles ganz anders als bei einem eigenen Kind. Man kann nicht einfach alles frei entscheiden und machen wie man will. Für die größeren Dinge braucht man Unterschriften, Genehmigungen usw.

Darum findet man eben auch einen anderen Zugang zu Bindung. Wir haben hier Bindung wirklich wachsen sehen können und zwar nicht intrauterin. Daher haben wir auch gesehen, wenn Bindung verloren gegangen ist (vor allem in Entwicklungsschüben) und wenn sie ganz nah und spürbar wurde.

Natürlich gab es Hochs und Tiefs. Wie mit jedem anderen Kind auch. Und trotzdem bringt DIESES Kind einfach noch Qualitäten mit, die im ersten Moment etwas “fremd” erscheinen können. Da wir sehr offene Menschen sind und das Fremde nicht fürchten, können wir damit auch umgehen.

 

“Was macht das mit dem eigenen Kind?”

Ist das nicht schädlich fürs eigene Kind? Auch die Frage mussten wir schon beantworten. Wir beantworten sie mit einem klaren “Nein”. Unser Sohn leidet nicht unter seinem großen Bruder (jedenfalls nicht mehr als es bei anderen Geschwistern ist).

Natürlich streiten sie sich auch mal um ein Spielzeug und testen wer der Stärkere ist (und das ist der Kleine), aber vor allem sind sie wie Zwillinge: unzertrennlich, ein Kopf und ein Hintern. Einer hat eine Idee, der andere führt sie aus. Sie halten immer zusammen und spielen oft intensiv miteinander.

Natürlich hat alles immer seine Vor- und Nachteile. Und daher könnte ich jetzt sagen, unser Kleiner, der eigentlich unser Großer ist war nie alleine mit uns. Er musste uns gleich teilen. Es ist für ihn vielleicht nicht ganz so, wie für den klassischen Erstgeborenen. Doch durch unseren Entschluss so “arbeiten” und leben zu wollen ist es uns eben auch möglich, dass wir beide “Zuhause” und für die Kinder da sind. Und das ist wohl etwas, dass die wenigsten Kinder hier zu Lande erleben können. Papa ist genauso ansprechbar wie Mama. Sie haben uns beide und bekommen beide viel Zuwendung von uns. Und das macht sich sehr bemerkbar.

So konnte unser Großer auch noch länger Zuhause bleiben und die beiden sind jetzt erst mit über 4 und 3 Jahren in den Kindergarten gekommen. Für die Bindung war das sehr förderlich. Die Erzieherinnen sind begeistert und können es kaum glauben, dass die beiden noch nie im Kindergarten waren, da sie sich ganz selbstverständlich wohlfühlen und von Anfang an voll dabei sind. Man muss dazu sagen, dass wir einen sehr schönen Waldkindergarten für die beiden gefunden haben, mit unglaublich engagierten Frauen. Das spüren auch die beiden. Denn eines ist sicher: wenn ihnen etwas nicht passt und sie etwas nicht wollen, dann sagen sie es ganz klar oder man merkt es schnell.

Was ist also die “Mutterliebe” und was macht sie aus? Welche Faktoren zeigen uns, dass wir Mutterliebe spüren? Geht das nur mit den selbst geboren Kindern? Mit diesen Denkanstößen entlasse ich euch in den Rest der Woche!

Jetzt habe ich aber genug aus dem Nähkästchen geplaudert. Wenn ihr auch Pflegekinder oder Adoptivkinder (oder ähnliches) habt, dann berichtet uns gerne über eure Erfahrungen von Bindung. Wir sind sehr gespannt! [/vc_column_text][templatera id=“5708″]

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