Der bindungsorientierte Kaiserschnitt

Es ist eine Tatsache, dass heute über ein Drittel der Babys in Kliniken durch eine Bauchgeburt, den Kaiserschnitt das Licht der Welt erblicken. Da ich mich sehr für die natürliche Geburt, ohne Interventionen einsetze und meine Arbeit ganz klar dieses Ziel anstrebt, könnte man meinen, dass ich die medizinischen Interventionen verteufle. Doch das tue ich nicht GRUNDSÄTZLICH.

Wie ein angemessener Umgang für spezielle Geburten mit Komplikationen gefunden werden kann und ob es einen „bindungsorientierten Kaiserschnitt“ überhaupt geben kann, möchte ich in diesem Artikel etwas näher beleuchten.

Wann wird interveniert?

Zu aller erst betone ich immer wieder wie wichtig es ist genau abzuschätzen, wann eine Intervention tatsächlich NOTWENDIG ist! Es widerstrebt mir zu glauben, dass eine Interventionsrate von 97% in Kliniken aus einer echten Notwendigkeit heraus resultiert. Das würde bedeuten, nur 4% der Babys schaffen es “alleine”, ohne Hilfsmittel auf die Welt zu kommen? Das erscheint mir eher unwahrscheinlich.

So gibt es also eine Menge Interventionen, die offensichtlich präventiv, also noch bevor es einen Grund dafür gibt, angewendet werden. Ein Beispiel ist der gesetzte Zugang bei Eintreffen in die Klinik. Und das so ein Zugang nicht störend und überhaupt nicht einschränkend ist, kann jeder verneinen, der schon einmal einen gelegt bekommen hat. Oder für jemanden wie mich, mit einer sagen wir leichten “Nadelphobie” wäre solch ein Vorgehen fatal, könnte es doch den gesamten Geburtsverlauf schon an diesem Punkt beeinflussen. (Lese hierzu auch gerne den Artikel „5 Dinge, die man bei einer natürlichen Geburt unbedingt vermeiden sollte„)

Denn was brauche ich, um gut in die Geburtsarbeit eintauchen zu können? ENTSPANNUNG; Geborgenheit; Sicherheit; Zeit und emotionale Präsenz!

Dies wäre unter anderem also eine Intervention, die ich ablehnen würde, da sie mich beeinträchtigen könnte. So muss also leider jede Frau, jedes Paar immer wieder genau hinschauen und hinhören, was im Dienste der Sicherheit (oder auch einfach der Arbeitsersparnis) an ihrer Geburtserfahrung herumgewerkelt wird. Sie muss sich ständig fragen, ob die vorgeschlagene Intervention ihr – nach Beurteilung der individuellen Situation – angemessen geraten wird, oder ob es sich hierbei um ein “Standardverfahren” für Patient XY handelt. Und als Patientin sollte sich keine gebärende Frau fühlen, damit würde sie zu schnell aus ihrer Selbstermächtigung und ihrem Vertrauen gehen.

Ist jedoch eine Situation eingetreten, in der eine Intervention wirklich notwendig ist, so wird sich keiner dagegen entscheiden. Denn dafür ist die medizinische Technik da und dafür sollte sie auch genutzt werden. Es bringt leider nichts, schon mal einzuleiten, da die Frau ohnehin am Termin und gerade da ist, da sich hieraus zu viele weitere Interventionen entwickeln und es am Ende tatsächlich aus dieser ersten heraus, richtige Komplikationen ergeben können.

Wenn in einer natürlichen, komplikationslosen Geburt nicht zwingender Bedarf besteht zu intervenieren, sollte es auch nicht geschehen!

Bindungsorientierte Kaiserschnitt = geplanter Kaiserschnitt?

Natürlich gibt es gerade heute auch Frauen, die sich aus dem ein oder anderen Grund von vorneherein für einen Kaiserschnitt entscheiden, oder wo es aus anderen medizinischen Gründen keine Alternative gibt. Hier spricht man von der primären sectio, dem geplanten und für einige Frauen auch der Wunsch-Kaiserschnitt.

Auf diesen kann sich die Frau natürlich ganz anders mit ihrem Baby vorbereiten, als eine Frau die einen Notkaiserschnitt bekommt, die sekundär sectio.

Die Frau hat die Möglichkeit sich über den Vorgang des Kaiserschnittes genau zu informieren und sich emotional darauf vorzubereiten. Auch mit ihrem Baby kann sie den Geburtsablauf vorher genau durchgehen und schon während der Schwangerschaft eine stabile Bindung aufbauen, damit sie nach der Geburt leichter daran anknüpfen kann. 

Dies begünstigt einen bindungsorientierten Kaiserschnitt. Dennoch ist eines ist der Kaiserschnitt leider nicht: natürlich.

Aber es gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, dass aufzuarbeiten, was Mama und Baby vielleicht durch diese Geburstart spüren und glauben “verpasst” zu haben. Denn auch ein Kaiserschnitt ist eine Geburt! Und er ist nicht die schlechtere Geburt, sondern eben eine andere Geburt! Denn, was das Bonding nach der Geburt betrifft, oder die Stillproblematiken, so sind das alles Schwierigkeiten, die auch nach einer von Außen betrachteten schönen “natürlichen” Geburt auftreten können.

Der Vorteil bei einer primären sectio ist, dass die Mama sich ganz bewusst auf diese Dinge vorbereiten kann, so dass es ihr viel leichter fallen wird, diese Hürden zu meistern und einen bindungsorientierten Kaiserschnitt erleben kann.

Auch Frauen, die sich auf eine natürliche Geburt vorbereiten, können sich in ihrer Geburtswunschliste kurz mit dem Thema Kaiserschnitt befassen. Hier können sie genau festhalten, wie sie sich das Vorgehen während eines Kaiserschnitts und danach wünschen, damit das Klinikpersonal diese Dinge schriftlich bereit hat.

Wenn dann auch noch das operierende Team bindungsorientiert mit der durch ihre Hände neu entstehenden Familie umgeht, kann auch ein bindungsorientierter Kaiserschnitt zu einer wunderschönen Geburtserfahrung werden.

Bindung und Kaiserschnitt

Ein wichtiger Punkt bei der Begleitung während des Kaiserschnitts ist die emotionale Versorgung der Mutter. Egal ob eine Mutter für einen geplanten oder einen  Not-Kaiserschnitt in den OP kommt (doch dann ganz besonders), ist eines der wichtigsten Aufgaben, um für eine schöne Geburtserfahrung zu sorgen, die Unterstützung der Mutter. Wenn der Vater dabei sein kann ist dies schon wunderbar, doch auch er könnte labil sein und einen emotionalen Halt benötigen. Und das ist oftmals gar nicht so schwer zu realisieren. Im Grunde reicht es, wenn jemand nur für das Paar da ist (z.B. die beiwohnende Hebamme)!

Wenn sie die Mutter über jeden Schritt aufklärt und der Arzt im besten Falle auch die Frau mit in das Geschehen einbezieht, werden ihr viele Ängste genommen und sie fühlt sich gesehen und verstanden. Dieser einzige, kleine Punkt kann schon bei manchen Frauen über Geburtstrauma oder schöne Geburtserfahrung entscheiden.

Denn niemand in dem Raum weiß, wie genau DIESE Frau mit dem Erlebnis umgehen wird.

Kann sein, für neun Frauen ist das übliche Verfahren in Ordnung und wenig stressig und die zehnte Frau verlässt den OP mit einer weitreichenden Traumatisierung. Denn eine Geburt ist immer ein Erlebnis außerhalb unserer Gewohnten Grenzen. Wir gehen hier definitiv über unsere Komfortzone hinaus und öffnen uns so weit, wie wir es kaum zu einem anderen Zeitpunkt in unserem Leben tun.

Und gerade bei einem Eingriff wie dem Kaiserschnitt ist ein traumasensibler Umgang unerlässlich. Immerhin werden hier mehrere Leben für weiteres Zusammensein in ihrem ersten Moment geprägt. Und wenn man diesen Moment schön, wertschätzend, warm und geborgen gestalten, dann lohnt es sich 1000fach!

Zum anderen ist es ebenfalls wichtig, die Mutter-Kind-Bindung (besonders beim bindungsorientierten Kaiserschnitt) möglichst wenig zu stören. Das heißt, das Baby sollte wenn möglich gleich bei der Mutter liegen dürfen, falls diese wach und bereit dafür ist. Unnötige Untersuchungen wie messen und wiegen, können auch viel später erfolgen. Ansonsten kann das Baby auch neben der Mutter auf dem nackten Bauch des Vaters liegen und da das erste Bonding vollziehen. Mutter und Baby sollten ganz viel Zeit zusammen bekommen, damit sich nach Möglichkeit auch das Stillen gut anlaufen lässt.

Eine gute Nachbesprechung des Eingriffs und des Geburtserlebens, in der die Mutter die Möglichkeit bekommt ihren Gefühlen und Erleben Ausdruck zu geben, ist enorm wichtig. Die Mutter sollte sich dabei vor allem ernstgenommen und verstanden fühlen. In dem Zusammenhang kann erarbeitet werden, ob weitere Hilfestellungen für zu Hause notwendig werden und man kann den Eltern verschiedene Möglichkeiten mit an die Hand geben. Eine Emotionelle Fachberaterin kann durchaus sinnvoll sein zu kontaktieren, je nachdem wie belastet Mutter und/oder Kind sind.

Eine Sensibilisierung für diesen wundersamen Prozess und für das absolut individuelle Erleben solcher tiefgreifenden Eingriffe ist etwas, dass ich mir sehr an den Stellen der Geburtshilfe wünsche, wo es noch Verbesserungsbedarf und Entwicklungspotential gibt!

Fazit: Wenn Kaiserschnitt, dann ein bindungsorientierter Kaiserschnitt für Mutter und Kind![/vc_column_text][templatera id=“5710″][vc_video link=“https://www.youtube.com/watch?v=Fd_haT4gIA4″ video_related=“1″ video_title=“1″]

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